Erektionsstörungen

Eine erektile Dysfunktion – Abkürzung ED, auch Erektionsstörung, Potenzstörung, Impotentia coeundi (von lateinisch coire ‚zusammengehen‘, ‚sich begatten‘, vgl. Koitus), im Volksmund auch Impotenz – ist eine Sexualstörung, bei der es einem Mann über einen längeren Zeitraum hinweg in der Mehrzahl der Versuche nicht gelingt, eine für ein befriedigendes Sexualleben ausreichende Erektion des Penis zu erzielen oder beizubehalten. Kurzfristige Erektionsstörungen gelten hingegen nicht als ED.

 

Bedeutung

Die ED ist eine schwerwiegende Erkrankung. Dank moderner Untersuchungsmethoden ist heute bekannt, dass in der überwiegenden Zahl der Fälle organische Leiden eine Rolle spielen. Treten jedoch gleichzeitig nächtliche Erektionen auf, sind psychische Ursachen anzunehmen.

 

Die ED ist häufig auch Vorbote anderer, noch schwerer wiegender Erkrankungen und sollte daher immer ärztlich untersucht werden. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die ED oft ein Hinweis auf bevorstehenden Herzinfarkt und Schlaganfall ist, da die Blutgefäße des Penis denen des Herzens ähneln. Nach einer diagnostizierten ED sollte daher immer ein Internist beziehungsweise Kardiologe hinzugezogen werden.
Viele Betroffene gehen aus falscher Scham zunächst nicht zum Andrologen. Oft aber ist eine rasche – bei Verletzungen sofortige – Untersuchung erforderlich, um Langzeitschäden zu vermeiden und die Fähigkeit zur Erektion erfolgreich wiederherstellen zu können.

 

Häufigkeit

Die Häufigkeit der erektilen Dysfunktion hängt stark vom Lebensalter ab. Hinsichtlich der Prävalenz nimmt die erektile Dysfunktion von 2,3 % in der dritten Lebensdekade auf 53,4 % in der siebenten Lebensdekade zu. Besonders im Alter tritt erektile Dysfunktion häufig auf. Etwa die Hälfte der 60-Jährigen und etwa zwei Drittel der 70-Jährigen sind betroffen.

 

Ursachen

Lange Zeit hat man die erektile Dysfunktion in zwei Kategorien unterschieden: organisch oder psychisch. Heute ist man sich einig, dass nur ein kleiner Prozentsatz rein psychogen oder somatogen verursacht wird. Der überwiegende Anteil der Erektionsstörungen hat mehrere Ursachen. Biologische, psychische, interpersonelle und kulturelle Faktoren spielen in der Regel zusammen. Während in jungem und mittlerem Alter psychische Ursachen häufiger sind, spielen mit zunehmendem Alter organische Wirkfaktoren eine immer größere Rolle. Es wird geschätzt, dass ab 50 Jahren zu etwa 80 % körperliche Ursachen vorherrschen. Insgesamt geht man altersunabhängig bei etwa der Hälfte der Erektionsstörungen von einer rein organischen Ursache aus, bei etwa einem Drittel von einer rein psychogenen Störung und bei 20 % der Fälle von einer gemischt organischen und psychogenen Ursache aus. Diabetes mellitus, Arteriosklerose und Gefäßanomalien machen unter den körperlichen Erkrankungen mit etwa 45 % die Hauptursachen für erektile Dysfunktionen aus.

 

Psychische Ursachen

Eine zentrale Rolle bei der Entstehung von erektiler Dysfunktion spielt die Angst, sexuell zu versagen. Typischerweise steht diese Angst im Zusammenhang mit Beziehungskonflikten, Trennung, Selbstvorwürfen und beruflichem Misserfolg bzw. Rollenkonflikten als Mann.

 

Organische Ursachen

 


Warnhinweis auf Zigarettenpackungen

 

Organische Ursachen für die erektile Dysfunktion sind oftmals Zuckerkrankheit, Bluthochdruck, Operationen, Verletzungen am Schwellkörper, aber auch Folgen von langjähriger Einnahme von Suchtmitteln oder Drogen wie Rauchen oder übermäßiger Alkoholkonsum. Dabei kommt es zu Schädigungen von Blutgefäßen oder Schwellkörpern.

 

Erektionsprobleme können u. a. bedingt sein durch:

 

  • Verkalkung der zuführenden Blutgefäße
  • Lecks in den Schwellkörpern zu den ableitenden Venen (nicht selten, schwer zu erkennen)
  • bindegewebigen Umbau der Schwellkörper, z. B. nach Dauererektion (Priapismus)
  • Schädigung der die glatte Muskulatur versorgenden Nerven (Nn. erigentes) im kleinen Becken, z. B. durch größere Operationen an Prostata und Mastdarm, Bestrahlung, Verletzung, aber auch durch Diabetes mellitus, Alkoholmissbrauch und andere Stoffwechselerkrankungen mit Neuropathie
  • Rückenmarksschädigung, die das Erektionszentrum betreffen, manche Querschnittlähmungen (nicht alle)
  • Blockaden im Lendenwirbelsäulenbereich
  • Medikamente, die Neuro-Blocker beinhalten (z. B. Antiepileptika, Antidepressiva)
  • Betablocker
  • Antiandrogene (Medikamente wie z. B. Androcur, Dutasterid oder Finasterid)
  • psychische Ursachen wie Stress
  • sehr selten: Mangel an männlichem Geschlechtshormon. Bei Testosteronspiegeln unter 15 nmol/l ist ein Libidoverlust wahrscheinlicher, bei Spiegeln unter 10 nmol/l nimmt die Wahrscheinlichkeit für Depressionen und Schlafstörungen zu, Hitzewallungen und erektile Dysfunktion werden meist erst bei unter 8 nmol/l beobachte

 

Diagnose

Diagnostik der erektilen Dysfunktion liegt heute primär in der Hand der Urologen. Der Neurologe oder Psychotherapeut wird bei Bedarf konsiliarisch hinzugezogen. In vielen Fällen ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich. Der Urologe wird zuerst in einem Anamnesegespräch klären, wie die sexuellen Probleme genau aussehen und seit wann sie bestehen. Hierin bieten sich erste Anzeichen, ob es psychische Faktoren gibt, die zum Potenzverlust führen. Es folgt eine Risiko- und Medikamentenanamnese, um herauszufinden, ob der Patient Vorerkrankungen hat, welche zur ED führen könnten, ob er Medikamente mit einem solchen Effekt einnimmt.

 

Eine körperliche Untersuchung und der Ultraschall können Hinweise auf Verletzungen geben; aus einer Blutprobe lässt sich auf hormonelle Störungen schließen. Bei nicht schwerwiegenden Befunden wird der Patient mit PDE-5-Hemmern versorgt. Schlägt die Therapie nicht an oder gibt es Anzeichen für organische Schäden (z. B. an Gefäßen), werden invasivere Methoden gewählt, um die Ursache zu finden. Hierzu zählen:

 

  • Nächtliche penile Tumeszenz- und Rigiditätsmessung (NPTR-Messung)
  • Corpus-Cavernosum-Elektromyogramm (CC-EMG)
  • Penile Sympathische Hautantwort (PSH)
  • Schwellkörperinjektionstestung (SKIT)
  • Pharmakophalloarteriographie (PPAG)
  • Pharmakokavernosometrie und -graphie (PKMG)

 

Die NPTR-Messung zeichnet nächtliche Erektionen auf. Ein Gesunder hat diese drei- bis sechsmal pro Nacht, mindestens zehn Minuten lang. Treten sie beim Kranken auf, ist eine organische Störung ausgeschlossen, es muss psychische Gründe für die ED geben. Bei der SKIT, die auch als Schwellkörperinjektionstherapie genutzt wird, wird durch Medikamente (Papaverin, Phentolamin und Prostaglandin) eine Erektion hervorgerufen. Hält sich diese über 15 Minuten, kann eine Störung der Gefäße mit großer Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Eine während des Anflutens des Blutes gemachte Duplexsonographie bietet während dessen objektive Daten über den Blutfluss. CC-EMG und PSH messen Nerven- bzw. Muskelaktivitäten. Mit ihnen können also nervöse und muskuläre Leiden ausgeschlossen werden. Bringt die SKIT ein verdächtiges Ergebnis, können mittels PPAG arterielle und mittels PKMG venöse Ursachen gesucht werden. Beim PPAG werden die Arterien des Schwellkörpers mit Kontrastmittel und Röntgengerät dargestellt. Beim PKMG wird der Druck im Penis gemessen, während dieser durch Medikamente bzw. Kochsalzinfusion steif gehalten wird. Gelingt dies nur unter hohem Fluss von Kochsalz oder gar nicht, wird von einer venösen Abflussstörung ausgegangen.

Behandlung

Seit September 2012 liegt eine evidenzbasierte S1-Leitlinie zur Behandlung der erektilen Dysfunktion vor.

 

Psychotherapie

Spielen psychische Ursachen eine Rolle, kann eine beratende Sexualtherapie oder eine Psychotherapie, gegebenenfalls mit Einbeziehung des Partners, hilfreich sein. Die Krankenkasse übernimmt im Fall einer diagnostizierten Erkrankung dafür die Kosten.

 

Im Rahmen von Behandlungen innerhalb des offiziellen Gesundheitssystems werden sogenannte Surrogatpartner, die die Rolle des Wunschpartners übernehmen und eine erwartungsfreie Begegnung mit der eigenen Sexualität ermöglichen, nicht eingesetzt. Masters und Johnson stellten in den 1970er Jahren fest, dass die Behandlung von Homosexuellen am einfachsten ist, da sie nicht unter dem „Druck“ stehen, einen Koitus wie Heterosexuelle ausführen zu müssen.

 

Pharmakotherapie

In vielen Fällen können potenzsteigernde Medikamente die Beschwerden lindern. Von der Selbstmedikation, insbesondere mit im Internet bestellten Arzneistoffen, ist dringend abzuraten, denn diese sind oft nicht zugelassen. Auch müssen vor der Einnahme bestimmte Kontraindikationen ausgeschlossen werden.

 

Derzeit in Deutschland zugelassen und in wissenschaftlichen Studien untersucht sind die rezeptpflichtigen PDE-5-Hemmer Sildenafil (Viagra), Vardenafil (Levitra), Tadalafil (Cialis) und Avanafil (Spedra; seit April 2014 erhältlich). Für alle diese Medikamente erfolgt derzeit keine Kostenübernahme durch die gesetzlichen Kassen. PDE-5-Hemmstoffe wirken nicht bei kompletter Schädigung der für die Erektion zuständigen Nerven. Apomorphin und Yohimbin werden kaum noch verordnet.

 

Eine wichtige Alternative sind lokal angewandte Prostaglandine, die überwiegend wirksam sind, aber injiziert oder in die Harnröhre eingebracht werden müssen. Vor allem die Injektion ist als SKAT-Methode (Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie) verbreitet, führt aber auf lange Sicht zur weiteren Verschlechterung der Situation und zu irreversiblen Schädigungen des Schwellkörpergewebes. MUSE (Medikamentöses Urethrales System zur Erektion) ist die Verabreichung des Wirkstoffs in Stäbchenform über ein mechanisches Gerät (Applikator) in die Harnröhre, wo er über die Schleimhaut aufgenommen wird.

 

Operative Verfahren

Manchmal lässt sich eine ED operativ beheben, etwa bei bestimmten Gefäßverletzungen oder bei einem Teil der Leistenbrüche.

 

Die prothetische Versorgung mittels Implantaten ist bei richtiger Indikationsstellung sowie Aufklärung von Patient und Partnerin mit einer hohen Akzeptanz und Zufriedenheit verbunden. Die primäre Zufriedenheit liegt bei circa 80 % bei geeigneter Patientenauswahl. Es stehen grundsätzlich semirigide und hydraulische Implantate zur Verfügung, wobei das deutlich bessere kosmetische Ergebnis der hydraulischen Modelle mit einer Fehlerquote von etwa fünf Prozent einhergeht.

 

Die Therapie gehört zum operativen Standard in der Urologie. In Deutschland werden die Kosten für eine derartige Operation von der Krankenkasse getragen, in Österreich kann diese Maßnahme nur als privatärztliche Leistung erfolgen.

 

Stoßwellentherapie

 


Fokussierte Piezo-Stosswelle mit einem linienförmigen Wirkbereich

 

Die aktuellen Leitlinien der EAU (European Association of Urology) erwähnen diese Behandlungsform unter den Erstlinien-Behandlungen, geben jedoch wegen der schwachen Datenlage keine Empfehlung ab. Wirkprinzip dieser Therapie soll eine lokale Durchblutungsförderung der Schwellkörper sein. In einer 2016 publizierten multizentrischen Studie berichteten 58 von 75 Patienten gute Wirkung.

 

Hilfsmittel

Ergänzend hierzu bzw. anstelle der medikamentösen Therapie kann eine sogenannte Penispumpe (bei ärztlicher Verordnung Kostenübernahme durch die Krankenversicherung) eingesetzt werden; positiv: bei sachgemäßer Anwendung sind keine Nebenwirkungen zu erwarten.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0